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Freitag, 18. Oktober 2024

Ganz nah. Das Käppele.

Festung, Käppele
Schaut man sich am Main im Würzburger Zentrum das Panorama an, ragt hoch oben die Festung Marienberg, und auf der gleichen Höhe, ein Stückchen Main-aufwärts, sieht man zwei barocke Türme in weiß und gelb. Das ist das Käppele und seine prominente Lage.
Wir waren dort schon ewig nicht mehr, es ist nicht so bequem zu erreichen. Aber ist man einmal oben, hat man einen schönen Blick auf die Würzburger Innenstadt.
Aussicht auf die Stadt vom Käppele
Die letzten Stationen des Kreuzwegs, der steil von unten hinauf führt.
Käppele Kreuzweg
Das Käppele besteht aus zwei Kirchenräumen, zum einen die Wallfahrtskirche, die 1748-1752 nach Plänen von Balthasar Neumann erbaut wurde, zum anderen die Gnadenkapelle, die 1778-1782 einen wesentlich kleineren Vorgängerbau aus der Mitte des 17. Jahrhunderts ersetzte.
Der Blick zum Altar der Wallfahrtskirche, ein Zentralbau, gekrönt von einer Kuppel.
Käppele Wallfahrtskirche
Käppele Wallfahrtskirche
Übergang von der Wallfahrtskirche zur Gnadenkapelle (links).
Käppele Wallfahrtskirche
Die Gnadenkapelle.
Käppele Gnadenkapelle
Wir erfuhren Interessantes, u.a. dass alle Bauten über die Jahrhunderte hinweg mit Spenden aus der Bevölkerung finanziert wurden, hier haben weder ein (Fürst-)Bischof noch ein Kloster gebaut. Das Käppele ist damit in Würzburg nicht das einzige Gebäude, das aus privater Initiative und mit privatem Geld entstand.
Das Käppele in Wikipedia [klick]
Das Käppele im Würzburg-Wiki [klick]

Nun folgt noch ein Werbeblock:
Vor kurzem ist ein umfassendes Buch über das Würzburger Käppele erschienen, hier der Klappentext: 

Die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung und Schmerzhafte Muttergottes auf dem Nikolausberg, im Volksmund Käppele genannt, gehört zu den bedeutendsten religiösen Stätten im Frankenland. Zugleich bilden die Wallfahrtskirche aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, der großartige Stationsweg und die 1778/92 errichtete Gnadenkapelle ein wertvolles Gesamtensemble aus Architektur, Malerei und Plastik.

Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass es bislang keine umfassende wissenschaftliche Gesamtdarstellung von Geschichte, Kunst und Kultur des Käppele gab. Das vorliegende Buch schließt diese Lücke auf Basis der schriftlichen und bildlichen Quellen sowie des vorhandenen Bestands aus Anlass der zweihundertjährigen Wiederkehr der Weihe der Wallfahrtskirche 1824.

Das Würzburger Käppele
Wallfahrt - Architektur - Kunst

552 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
15,3 x 22,6 cm. Gebunden
€ 44,90 (D) / € 51,30 (A)

ISBN 978-3-429-05990-3

Sonntag, 14. Juli 2019

Uni. Wir haben Bücher gerettet.

Im letzten Jahr habe ich über eine Aktion des Alumni-Vereins der Uni Würzburg berichtet, an der wir uns beteiligt haben. Alte Bücher konnten daraufhin fachgerecht restauriert und anschließend digitalisiert werden. Wir konnten heute einige der restaurierten Bücher begutachten und das Digitalisierungszentrum der Universitätsbibliothek kennen lernen.
Man kann es nicht oft genug wiederholen: In Bayern bekommt nur die Universität in München einen (hohen sechsstelligen) jährlichen Betrag zur Restaurierung von alten Büchern, die Universität Würzburg muss dies selbst aus dem allgemeinen Haushalt bestreiten. Wieder ein Grund, sich in den nicht-bayerischen Teilen des Bundeslands Bayern von den Bayern benachteiligt zu fühlen.
Zur Digitalisierung von Handschriften und alten Büchern hat man hier spezielle Geräte entwickelt. Es ist wichtig, das Buch sicher und ohne dass es beschädigt wird, platzieren zu können, so dass gleichzeitig die Aufnahme in allen Bereichen scharf und in hoher Auflösung erstellt wird. Uns wurde berichtet, dass manche Bücher nicht bis 90 Grad (rechter Winkel) geöffnet werden können, ohne dass sie beschädigt werden. Im Foto sehen wir Teile der Vorrichtung, in die das Buch gelegt wird, dabei wird der Buchrücken unterstützt.
Aufnahmetisch
Das Buch liegt bereit zur Aufnahme.
Aufnahmetisch
Die Kamera mit der Auflösung von ~70 Megapixel.
Kamera für Scan
Diese Seite wird aufgenommen.
zu scannende Seite
Am Bildschirm kann das Bild beliebig vergrößert werden.
Detail eines Scans
Die folgenden Bilder zeigen einige der durch Spenden restaurierten Bücher.
restauriert: Schedelsche Weltchronik restauriert: Lutherbibel restauriert restauriert
Die virtuelle Bibliothek mit den digitalisierten Büchern und Handschriften erreicht man unter:
http://libri-kiliani.eu/
Welche Bücher in dem  Projekt restauriert und digitalisiert wurden, steht hier.

Vom Eingang der Uni-Bibliothek hat man diesen Blick auf die Festung auf der anderen Mainseite.
Blick von der UB zur Festung

Sonntag, 8. Juli 2018

Uni. Wir retten Bücher.

Buchpatienten Beschädigungen
Die Universitätsbibliothek Würzburg ist nicht nur eine Bibliothek für Lehre und Forschung, sondern hat in ihrem Bestand auch Bücher und Handschriften des ehemaligen Hochstifts Würzburg, dem weltlichen Herrschaftsgebiet der Fürstbischöfe von Würzburg, das bis 1802 bestand. Seit 1814 gehört Würzburg ohne Unterbrechung zu Bayern und wurde von einer Universitäts- und Residenzstadt zur immer noch Universitätsstadt, aber auch zur Provinz. So wundert es nicht, wenn man erfahren muss, dass die Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximiliand-Universität in München, die für Altbayern eine ähnliche Archivfunktion erfüllt wie die Würzburger Bibliothek für das ehemalige Hochstift, als einzige Universität in Bayern eine staatliche Förderung zur Bewahrung dieser Bücherschätze erhält. Würzburg und andere Universitäten in Bayern müssen solche Ausgaben aus dem allgemeinen Haushalt der Universität finanzieren, und die Bildungshaushalte sind in Deutschland bekanntlich knapp bemessen, allen Politikerreden zum Trotz.
In der Bibliothek in Würzburg gibt es eine ganze Reihe von alten Büchern, die dringend restauriert gehören, und so hat der Alumni-Verein der Universität in diesem Jahr eine Spendenaktion gestartet. Wir haben uns beteiligt und konnten an einem Sonntagvormittag die "Buchpatienten" besichtigen.
Bei den folgenden Fotos sieht man die Beschädigungen.
Buchpatienten Beschädigungen
Buchpatienten Beschädigungen
Buchpatienten Beschädigungen
Von der Restauratorin, die an diesem Sonntag auch anwesend war (DANKE!) wurde uns auch gezeigt, wie und mit welchen Materialien restauriert wird. Diese Arbeiten sind sehr vielseitig, denn es geht nicht nur um reine Reparatur oder Wiederherstellung des Papiers, es sind ja auch die Einbände defekt (Leder, Holz, Pappe), die Schließen (Metall, Leder, Bänder), die Heftung, und so weiter.
Hier im Bild Einbände und Schließen. Die Restauratorin muss - obwohl eigentlich gelernte Buchbinderin - auch Metall bearbeiten können.
Einbände Schließen Links Leder von ganz unterschiedlichen Tieren, das mit Naturfarben gefärbt wird, rechts Einbanddeckel aus Holz, alt und neu.
Holz Leder Restaurierung
Uns wurde auch erklärt, dass man heutzutage zwar Beschädigungen beseitigt, aber nicht fehlende Seitenteile oder Textstellen wieder einfügt, auch wenn man sie aus anderen Ausgaben des Buchs (z.B. in einer anderen Bibliothek) kennen würde. Eine herausgerissene halbe oder auch ganze Seite bleibt für dieses Buch herausgerissen, es wird z.B. nur verhindert, dass die Seite weiter einreisst.
Im Folgenden Beispiele für Buchpatienten, in diesem Buch ist eine mittelalterliche Ansicht von Würzburg aufgeschlagen.
Buchpatienten Atlanten zeigen, was unsere Vorfahren zu dieser Zeit von der Welt wussten.
Buchpatienten 
Buchpatienten In einer Lutherbibel, die 1522 gedruckt wurde, ist das Johannesevangelium aufgeschlagen, die Illustrationen stammen von Lucas Cranach d.Ä.
Buchpatienten Der Riss wird nun repariert werden.
Seite mit Riss
Buchpatienten Alle Bücher, die im Rahmen dieser Aktion repariert werden, werden auch digitalisiert, das heisst, sie stehen wieder für die Forschung in aller Welt zur Verfügung, und sie müssen dazu ihren Archivplatz nicht verlassen.

Sonntag, 5. Februar 2017

Buch. Auerhaus.


Das Buch habe ich gelesen, weil es von vielen, deren Blogs ich regelmäßig lese, sehr gelobt wurde, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass ich die Begeisterung nicht teilen kann. Ich war schon skeptisch als ich mitbekam, dass es von Jugendlichen so mit 17, 18 handelt, die sogenannten Entwicklungsromane können mich erfahrungsgemäß nicht begeistern.
Das Buch beschreibt etwa ein Jahr vor dem Abitur, Mitte der 1980-er Jahre, es spielt im Schwäbischen in einem Dorf am Rande der Schwäbischen Alb, etwa 40 Kilometer sind es bis Stuttgart. Der Ich-Erzähler, Herr Höppner, berichtet über die Zeit nach dem Selbstmordversuch seines Freundes Frieder, der nach einem Aufenthalt in der Klapse zusammen mit Herrn Höppner und zwei Schulkameradinnen ein heruntergekommenes Haus bezieht, in dem vorher sein Großvater gehaust hatte.
Was ich gut fand. Die Atmosphäre des Dorfes ist absolut stimmig, ich kann das beurteilen, ich komme aus der Gegend. Das gilt auch für die Sprache des Romans, sie passt zu den Protagonisten und den Situationen. Und den Schluss, obwohl es eben nicht gut ausgeht, nicht für Herrn Höppner, der das Abitur (unnötigerweise) versaut, dann nach Berlin zieht, um nicht zur Bundeswehr zu müssen und sich mit irgendwelchen Jobs den Lebensunterhalt verdient. Und für Frieder leider auch nicht.
Was ich nicht gut fand. Im harmlosen Erzähltonfall werden Drogenhandel und -konsum und jede Menge Diebstähle verharmlost, als hätten die Protagonisten ein Recht dazu, und so etwas gefällt mir nicht, das finde ich nicht in Ordnung.
Was ich nicht verstehe. Die Begeisterung vieler Leute für die 1980-er Jahre wird mir wohl immer fremd bleiben, da ich diese Zeit anders erlebt und empfunden habe, und dieses Buch konnte mich nicht umstimmen.
Fazit. Für Fans von Entwicklungsromanen und für Fans der 1980-er Jahre zu empfehlen, ansonsten würde ich eher abraten.
Ich habe das Buch als E-Book gelesen: Bov Bjerg, Auerhaus, Roman, Verlag Aufbau digital ISBN 9783841209917

Montag, 11. Januar 2016

Buch. Mozart und Prag.

Mit sehr viel Vergnügen hatte ich Die Nacht des Don Juan von Hanns-Josef Ortheil gelesen und ja bereits in dem sehr langen Blogeintrag darüber geschrieben. Da Ortheil nicht der einzige ist, der sich über Mozart, Prag und Don Giovanni eine Geschichte einfallen ließ, kam mir beim Lesen in Erinnerung, und zwar Mozart auf der Reise nach Prag von Eduard Mörike. Diese Geschichte entstand gut 150 Jahre vor der Ortheils (1855 zu 2000) und ist ebenfalls fiktiv. Mörike hat frau natürlich im Bücherregal. Es fanden sich gleich zwei Exemplare, das ältere davon von 1947.
Das Papier ist rauh und holzhaltig, man hatte 1947 wohl nichts Besseres zur Verfügung. Auch den Port Verlag in Urach kennt man heute nicht mehr. Interessant fand ich die Information auf der linken Innenseite:
1. - 5. Tausend 
G. M. E. F. O. Visa No. 2358/L de la Direction de l'Education Publique
Autorisation No. 2316 de la Direction de L'Information
Juli 1947
Dazu nur die Bemerkung, dass Urach nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der Französischen Zone lag und 1947 ganz offensichtlich noch die Buchveröffentlichungen von den Alliierten freigegeben werden mussten.
Schön zu lesen ist die Novelle auch noch, was auch online geht:
http://www.gutenberg.org/ebooks/7503

Sonntag, 10. Januar 2016

Bücher. Rückblick auf 2015.

Früher war ich eine richtige Leseratte, habe Bücher geradezu verschlungen. Im Lauf der Jahre änderte sich das, ich las mehr Zeitungen und Zeitschriften, und eben auch viel im Internet, Foren und Blogs. Auch störte mich während ich noch berufstätig war, dass ich an einem Buch nicht dranbleiben konnte, sondern oft tagelange Pausen einlegen musste. So gewöhnte ich mir das häppchenweise Lesen an, das ich nun überwiegend praktiziere. Ich bin ja schon eine Weile nicht mehr im Beruf, aber Gewohnheiten stellt man nicht so schnell um. Auch war ich in den letzten Jahren bei der Anschaffung von Büchern sehr restriktiv, auch weil ich beim Umzug vor vier Jahren so viele zurücklassen musste und die Bücherregale in der jetzigen Wohnung trotzdem sehr gut gefüllt sind.
Im April entschied ich mich dann, einen E-Book-Reader anzuschaffen. Der Anlass war eigentlich ganz einfach: ich wollte ein bestimmtes Buch lesen, es aber anschließend nicht im Bücherregal haben. Instagram- und Facebook-Follower konnten das Foto schon sehen, ich hatte mich für einen Tolino entschieden, um auch E-Books im lokalen Buchhandel beziehen zu können.
Und tatsächlich ist mein Lesekonsum seitdem erheblich gestiegen, ohne dass ich wieder zur Vielleserin geworden wäre. Ich habe sieben Romane und zwei Biografien gelesen, der nächste Roman ist schon runtergeladen, und auch zwei wissenschaftliche Bücher aus der Unibibliothek konnte ich auf den Tolino laden.

  1. Es begann mit einer Biografie, Bismarck von Hans-Christof Kraus, und ich kann das Buch geschichtlich Interessierten nur ans Herz legen. Es ist einerseits flüssig und gut lesbar geschrieben, andererseits wissenschaftlich fundiert. Der Blick auf Bismarck ist durchaus kritisch, das Buch dient nicht der Verehrung des nationalkonservativen Reichsgründers.
  2. Über Die gleißende Welt von Siri Hustvedt hatte ich bereits im Blog berichtet.
  3. Nach einigen Nachforschungen in Blogs, die ich regelmäßig lese und die (zumindest gelegentlich) Bücher besprechen, habe ich begonnen, den Autor Hanns-Josef Ortheil zu entdecken. Ich begann mit Die geheimen Stunden der Nacht, einer Geschichte in einem Familienunternehmen mit einem autoritären Patriarchen an der Spitze, der die Firma zum Erfolg geführt hat. Der Vater erkrankt schwer, und der älteste Sohn muss erkennen, dass er nicht automatisch Vaters Nachfolger sein wird. Die Auseinandersetzung mit seinen Geschwistern und die Geheimnisse, die er über seinen Vater im Lauf der Zeit erfährt bzw. ans Licht bringt, sind Inhalt des Buchs. Der Schluss ist ein wenig abrupt, aber zufriedenstellend.
  4. Durch wiederholtes Sehen des Films Der Teufel trägt Prada stellte ich fest, dass der Film auf einem teils autobiografischen Erstlingswerk beruht und habe es mit viel Vergnügen gelesen. Autorin ist Lauren Weisberger. Leicht und locker, und natürlich ist die Welt der Mode ziemlich überkandidelt.
  5. Ähnlich leicht ist Vielleicht mag ich dich morgen von Mhairi McFarlane, die eine junge Frau um die dreißig beschreibt, die zu Schulzeiten dick war und deshalb gemobbt wurde. Sie trifft viele Jahre später den Schwarm aller Mädels der Schule wieder, der sie nicht erkennt, sich aber um sie bemüht. Ganz nett, Urlaubslektüre oder für eine Zugfahrt.
  6. Nun wieder Hanns-Josef Ortheil mit Faustinas Küsse. Das Buch dreht sich um den ersten Rom-Aufenthalt von Goethe im Jahr 1786 und beschreibt uns die Ereignisse aus der Sicht von Giovanni Beri, einem Römer ohne Beruf, der sich an Goethe heranmacht und seine Dienste als Führer anbietet, dann aber einen geheimnisvollen Auftrag bekommt, den Fremden zu beobachten. Die Mischung von Fiktion um ein Gerüst von historischen Tatsachen gefällt mir meist gut. Hier ist es sehr gut gemacht.
  7. Vor dem nächsten Ortheil kam noch ein Weltbestseller, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand von Jonas Jonasson. Hier wird uns ein Mensch geschildert, der rein zufällig immer wieder in die Rädchen der Weltgeschichte gerät und sie beeinflusst, obwohl er das meist nicht will oder zu vermögen meint. Sehr amüsant zu lesen, mit nachdenklichem Hintergrund.
  8. Nachdem mir die fiktive Geschichte um Goethe gut gefallen hat, nahm ich mir ein ähnlich gestricktes Buch über Mozart vor, Die Nacht des Don Juan von Hanns-Josef Ortheil. In dem Buch wird die Geschichte der Uraufführung des Don Giovanni in Prag mit fiktiven Geschichten umrahmt, die die bekannten Personen wie Mozart und seine Frau Konstanze, die Sänger und Sängerinnnen der Uraufführung und selbst Casanova einbezieht, von dem man allerdings nicht mit Sicherheit weiß, ob er tatsächlich zu dieser Zeit in Prag war. Für Musik- und Mozartfreunde unbedingt zu empfehlen.
  9. Das letzte der E-Books, die ich bereits gelesen habe, ist wieder eine Biografie, Die Manns von Tilmann Lahme. Er beschreibt gut lesbar und trotzdem wissenschaftlich das Leben von Thomas Mann, seiner Frau Katia und den sechs gemeinsamen Kindern. Diese Familie hat mich immer schon fasziniert und angezogen, obwohl das eine oder andere Kopfschütteln nicht ausbleibt. Von den Realitäten anderer bürgerlicher Familien waren diese Personen weit entfernt. 
Nun noch kurz zum Tolino selbst. Er hat meinen Erwartungen entsprochen, ist leicht, man kann sehr gut lesen, selbst in der Sonne. Und man kann Bücher über die Buchhandlung seiner Wahl beziehen und bleibt nicht auf Amazon allein angewiesen.
Was mich jedoch total nervt, ist die Silbentrennung. Durch die Möglichkeit, Schriftart und -grad zu verändern, werden Wörter "dynamisch" getrennt. Wie wir aus der Textverarbeitung wissen, ist die Qualität der Silbentrennung nicht von einem Algorithmus abhängig, sondern von Wörterbüchern. Und daran hapert es hier offensichtlich. Falls sie wirklich nur einen Algorithmus verwenden sollten, so sollte diesem zumindest eine Grundregel beigebracht werden, nämlich dass man NIE nur einen Buchstaben abtrennt, weder am Anfang eines Worts noch am Ende. Beides habe ich schon gesehen. Besonders beliebt ist, den Buchstaben Ü abzutrennen, also im Wort Über, aber auch allen Zusammensetzungen, wie z.B. Ü-
bersetzung
Sieht doch schrecklich aus! Ich meine die Verlage sollten sich um qualitativ gute Wörterbücher kümmern, so ein Schrott-Schriftbild mit diesen Trennungsfehlern schlägt negativ auf die Bücher zurück. Dann lieber gar keine Silbentrennung.
Noch eine Anmerkung, ich habe mit Absicht keine Links zu den Buchtiteln eingefügt, denn ich kann jeder/m nur empfehlen, die Titel auf der Online-Seite der örtlichen Buchhandlung zu suchen und bei Gefallen zu bestellen, das klappt mit der Angabe von Autor und Titel hundertprozentig.

Dienstag, 30. Juni 2015

Buch. Die gleißende Welt.

Die gleißende Welt heißt der neueste Roman von Siri Hustvedt, deren letzten Roman Der Sommer ohne Männer ich zuerst mit gemischten Gefühlen, aber dann doch mit Vergnügen gelesen habe. Nun also ein Buch aus der New Yorker Kunstszene, das vom Verlag so beschrieben wird:
«Die gleißende Welt» ist der Titel eines utopischen Romans von Margaret Cavendish, die im 17. Jahrhundert als eine der ersten Frauen überhaupt unter ihrem eigenen Namen publizierte. Als frühe Universalgelehrte ist sie Vorbild und Idol von Harriett Burden, der Witwe eines einflussreichen New Yorker Galeristen. Nach dessen vorzeitigem Tod in den siebziger Jahren beginnt Harriett - in der öffentlichen Wahrnehmung nichts als die Frau an der Seite des berühmten Mannes, aber in Wahrheit hochtalentiert - ein heimliches Experiment: eine Karriere als Installationskünstlerin, die sich hinter dem angeblichen Werk dreier männlicher «Masken» verbirgt, das in Wahrheit sie selbst erschaffen hat. Doch der faustische Handel schlägt fehl - einer dieser Maskenmänner, selbst ein bekannter Künstler, durchkreuzt ihr Rollenspiel und setzt sein eigenes dagegen, und es kommt zum Kampf zweier großer Geister.»
Das trifft es schon, nur ist das lange nicht alles. Zuerst mal verwirrt der Anfang. Das Buch kommt im Format eines wissenschaftlichen Berichts daher, geschrieben von einem(r) Professor(in?) Hess (ich habe keine Stelle gefunden, an der das geklärt ist, und professor ist im Englischen nicht notwendig männlich), aufbereitet aus Tage- und Skizzenbüchern der Hauptperson Harriet Burden, ergänzt um Interviews, schriftliche Äußerungen, Transkripte usw. Es gibt sogar Fußnoten mit Verweisen auf ein (teilweise Pseudo-)-Literaturverzeichnis.
Es geht um die unterschiedliche Wahrnehmung und Bewertung von Kunst, je nachdem, ob sie von Männern oder von Frauen geschaffen wird, aber auch um die Erwartungen und Vorurteile, die wir mit Mann oder Frau verbinden, um die gefühlte Zurückweisung meist der Väter, wenn man nur ein Mädchen ist.
Harriet Burden versucht nun, den "wichtigen" Personen der New Yorker Kunstszene über ein Experiment zu zeigen, dass ihre Beurteilung der Kunst von diesen anti-weiblichen Vorurteilen bestimmt wird, sie will ihre Vorurteile bloßstellen, und erstellt selbst die Werke für drei unterschiedliche Ausstellungen, die Künstler, die genannt werden, sind Strohmänner oder Masken. Nur das coming out klappt nicht so wie gewünscht. Mehr möchte ich über den Inhalt nicht erzählen, nur dass er sehr vielschichtig ist und das Geschilderte nur den Rahmen bildet.
Die unterschiedliche Sprache von Harriet Burden, optimistisch-planend, leicht resigniert zurückblickend, bis zutiefst gedemütigt und deprimiert, vom überheblichen Kunstexperten, von Freunden und Freundinnen mit lockerer bis enger Beziehung zur Hauptperson, von ihren Kindern, von Freunden von Freunden bis zu Professor Hess, nüchtern nach Tatsachen und der Wahrheit suchend, hat mir gut gefallen, die Autorin bekommt das meiner Meinung nach gut hin. Und das Ende hätte so nicht sein müssen und hat mich dennoch sehr berührt, der sehr realistisch geschilderte Krebstod von Harriet Burden, vielleicht weil ich dabei ein persönliches Schicksal aus meiner Umgebung vor Augen habe.

Freitag, 10. Januar 2014

Buch. Madame Bovary.

Im Rahmen der Ringvorlesungen wurde Madame Bovary, der Roman von Gustave Flaubert, besprochen, und zwar im Kontext "Das Schauspiel der Hysterie". Da ich den Roman zwar gelesen hatte, aber schon vor sehr langer Zeit, nutzte ich die Gelegenheit, um meine Erinnerung aufzufrischen. Beim ersten Mal war ich gar nicht begeistert gewesen, meine Erwartungen waren wohl andere, und der Roman entsprach ihnen nicht. Das wusste ich nun bereits und konnte einen erneuten Blick darauf werfen.
Die Handlung ist schnell erzählt. Emma Bovary wächst in einem Dorf der Normandie auf, zur Schule geht sie bei den Ursulinerinnen in Rouen. Dort liest sie heimlich Bücher, die ...
"...handelten immer nur von Liebschaften, Liebhabern und Geliebten, verfolgten Damen, die in einsamen Pavillons in Ohnmacht sanken, von Postillonen, die bei jedem Pferdewechsel umgebracht wurden, von Pferden, die man auf jeder Seite zuschanden ritt, von finsteren Wäldern, Seelenkämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, Nachen im Mondschein, Nachtigallen in den Gebüschen, Herren, die tapfer wie Löwen, sanft wie Lämmer und unvorstellbar tugendhaft waren, dazu stets schön gekleidet und tränenselig wie Urnen." (*Seite 51)
Wieder zu Hause bei ihrem verwitweten Vater lernt sie Charles Bovary, einen jungen, sehr unbedarften Landarzt kennen und heiratet ihn. Doch ...
"Vor ihrer Heirat hatte sie geglaubt, sie liebe ihn. Aber das Glück, das diese Liebe hätte mit sich bringen müssen, war nicht gekommen, und so dachte sie, sie habe sich gewiß getäuscht. Und Emma suchte zu erfahren, was man im Leben eigentlich unter Seligkeit, Leidenschaft und Liebesrausch verstand. Diese Worte waren ihr in den Büchern immer so wunderschön vorgekommen." (*Seite 48) 
Emma Bovary sucht in der Folge also nach Seligkeit, Leidenschaft und Liebesrausch. Ihr zuliebe zieht ihr Mann in ein größeres Dorf, dort empfindet sie für Léon, den Gehilfen des Notars, eine schwärmerische Seelenverwandtschaft. Die Beziehung bleibt platonisch, der junge Mann geht einige Monate später zur weiteren Ausbildung nach Paris. Dann tritt Rodolphe in ihr Leben. Und mit ihm kommt sie an den richtigen, das macht uns das Buch von Anfang an klar.
"Herr Rodolphe Boulanger war vierunddreißig Jahre alt, ein rücksichtsloser Draufgänger und kluger Menschenkenner. Außerdem hatte er sich viel mit Frauen abgegeben und kannte sich mit ihnen aus. Madame Bovary hatte er bildhübsch gefunden, und nun ging sie ihm dauernd im Kopf herum, und auch an ihren Mann musste er denken. Ich glaube, er ist reichlich dumm. Bestimmt hat sie ihn satt. Er hat schmutzige Nägel, und seit drei Tagen hat er sich nicht mehr rasiert. Während er seinen Patienten nachläuft, sitzt sie daheim und stopft ihm die Socken. Und die arme kleine Frau langweilt sich zu Tode! Sie möchte in der Stadt wohnen und jeden Abend Polka tanzen! Die Ärmste! Sie lechzt nach Liebe wie ein Karpfen auf einem Küchentisch nach Wasser. Drei galante Worte, und sie betet einen an, davon bin ich überzeugt. Das wäre etwas zum Liebhaben! Bezaubernd! ... Ja, aber wie werde ich sie nachher wieder los?" (*Seite 172)
 Diese Beschreibung trifft den Nagel in allen Punkten auf den Kopf. Nun, Emma wird seine Geliebte, und einige Monate später muss Rodolphe das Problem lösen, sie wieder loszuwerden. Er schreibt ihr einen Abschiedsbrief, legt ihn in zuunterst in einen Korb mit Aprikosen und lässt Emma den Korb von einem Diener bringen. Sie findet den Brief, liest ihn, erleidet einen Zusammenbruch und ist monatelang schwer krank. Als es ihr etwas besser geht, besucht ihr Mann mit ihr zur Zerstreuung eine Opernaufführung in Rouen. Dort treffen sie Léon, den ehemaligen Notargehilfen, wieder.
"Als er sie nun nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte seine Leidenschaft aufs neue. jetzt müsse er sich endlich entschließen, sie besitzen zu wollen, so sagte er sich." (*Seite 299)
Léon umwirbt Emma, und sie gibt seinem Drängen schnell nach. Von da an fährt sie ein Mal in der Woche nach Rouen, angeblich um Klavierstunden zu nehmen, in Wirklichkeit, um sich mit Léon zu treffen. Nach einigen Wochen der verliebten Glückseligkeit und Leidenschaft wird auch diese Beziehung langweilig.
"Sie hatte ihn ebenso satt, wie er ihrer überdrüssig war. Emma fand im Ehebruch das ganze öde Einerlei des Ehelebens wieder. Wie aber konnte sie all das loswerden? Sie möchte sich noch so sehr durch das Erniedrigende eines solchen Glücks gedemütigt fühlen, sie hing dennoch aus Gewohnheit oder aus Verderbtheit daran. Mit jedem neuen Tag klammerte sie sich leidenschaftlicher daran fest, und gerade durch die übertriebenen Erwartungen, die sie darein setzte, machte sie jedes beglückende Erlebnis zuschanden. Sie warf Léon ihre enttäuschten Hoffnungen vor, als hätte er sie verraten, ja, sie wünschte sogar ein jähes Verhängnis herbei, das zu ihrer Trennung führen sollte, da sie doch nicht den Mut aufbrachte, sich selbst dazu zu entschließen." (*Seite 373, 374)
Die Katastrophe kommt von außen. Emma hatte sich über die Jahre hin immer mehr verschuldet. Zuerst nur kleine Beträge, dann immer mehr, wobei der Tuchhändler ihr das Geld bzw. die Waren regelrecht aufdrängte. Er will nun Kasse machen und droht die Pfändung an. Emma Bovary versucht verzweifelt, das Geld aufzutreiben, aber niemand findet sich dazu bereit, ihr so einen hohen Betrag zu leihen. Mit einem Trick verschafft sie sich Zutritt zum Giftkämmerchen des Apothekers, schluckt Arsenik, und stirbt nach einem schrecklichen, detailliert geschilderten Todeskampf. Ihr Mann Charles stirbt wenige Monate später an gebrochenem Herzen, wie man so schön sagt, die gemeinsame Tochter kommt zuerst zur Großmutter, nach deren Tod im gleichen Jahr zu einer Verwandten.
"Sie ist arm und schickt die Kleine, damit sich sich ihren Lebensunterhalt verdient, in eine Baumwollspinnerei." (*Seite 447)
Nun zur wissenschaftlichen Wertung in der Ringvorlesung. Wir erfahren, dass die Schilderung von Emma
Bovary die typische Hysterikerin beschreibt, so wie das zum Zeitpunkt der Entstehung des Romans gesehen wurde. Es mag für heutige LeserInnen nicht so scheinen. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Hysterie große öffentliche Aufmerksamkeit. Nach einer Darstellung der Ophelia in Hamlet durch die irische Schauspielerin Harriet Smithson 1827 in Paris brach eine Welle von Ophelia-Darstellungen los. Die Maler Delacroix und Millais malten den Tod Ophelias. (Link zum Bild von Delacroix. Link zum Bild von Millais.) In der Pariser Klinik La Salpêtrière etablierte deren Leiter Jean-Martin Charcot die erste neurologische Abteilung. Fotografen fertigten Serien von Ikonographien von kranken Frauen an. Auch wurden die kranken Frauen öffentlich vorgestellt, immer Dienstags. Die Hysterie als körperliche Krankheit war sehr präsent, und Flaubert kam als Sohn des Chefarztes der Klinik in Rouen schon früh mit Krankheit in Kontakt, auch kannte er wohl die zeitgenössische medizinische Literatur zum Thema Hysterie und Nervenkrankheiten. Die Beschreibung des Zusammenbruchs von Emma, nachdem sie den Abschiedsbrief von Rodolphe unter den Aprikosen gefunden hat, ist wohl schulbuchmäßig, was mir als medizinischem Laien natürlich nicht aufgefallen war. Mehr Rätsel gibt die ausführlich geschilderte Sterbeszene von Emma Bovary der Wissenschaft. Die geschilderten Symptome und Reaktionen sind wohl wie auch schon beim ersten Zusammenbruch typisch für Hysterikerinnen, so wie sie die damalige Zeit sah, jedoch hat Emma in diesem Fall keinen Zusammenbruch, sondern sie hat sich ja vergiftet.
Nun, egal ob Emma Bovary nun die naive, die großen Gefühle suchende Mittelmäßige war, oder ob ihr Verhalten der Ausdruck der Krankheit Hysterie war, kann uns letztendlich gleich sein. Der Roman ist auf jeden Fall lesenswert, schon allein seiner Schilderung der ganzen anderen Menschentypen wegen, die Flaubert äußerst genau und treffend beschreibt.
* Die Zitate stammen aus: Gustave Flaubert. Madame Bovary. Roman. Aus dem Französischen übertragen von Walter Widmer. Düsseldorf, Albatros, 2006.

Montag, 7. November 2011

Buch: Der Sommer ohne Männer

Auch das war Urlaubslektüre, Der Sommer ohne Männer von Siri Hustvedt. Ein Buch wohl in erster Linie für Frauen, die nicht mehr so ganz jung sind. Ein blitzgescheites Buch, über Frauen jeden Alters und ihre Beziehungen, mit feinem Humor. Hat viel Spaß gemacht.
Die Story: Mia, Dichterin und Literaturwissenschaftlerin aus New York hat einen Zusammenbruch und landet in der Psychiatrie. Grund dafür ist ihr Mann Boris, der nach dreißig Jahren Ehe eine Pause möchte. "Die Pause war eine Französin mit schlaffem, aber glänzendem braunen Haar. Sie hatte einen signifikanten Busen, der echt, nicht künstlich war, eine schmale Rechteckbrille und einen exzellenten Verstand. Natürlich war sie jung, zwanzig Jahre jünger als ich, ..." Mia braucht einen Ortswechsel und flüchtet nach Bonden,"in das Provinznest, das mitten in der ehemaligen Prärie von Minnesota liegt, dorthin, wo ich aufgewachsen war." Sie mietet ein Haus, nicht weit von der Wohnung ihrer Mutter, die in einem Altenheim wohnt, im Bereich für die Selbständigen. Sie und ihre vier Freundinnen, alle noch topfit, Frauen, "die sich ihr Ansehen nicht durch bloße Langlebigkeit oder das Fehlen körperlicher Gebrechen (sie alle kränkelten auf die eine oder andere Weise) verdient hatten, sondern weil den fünfen eine geistige Frische und Autonomie eigen war, die ihnen einen Anstrich von beneidenswerter Freiheit gab." Mia war engagiert worden, einen Lyrik-Workshop für Jugendliche zu geben, wie sich dann herausstellt, sind es sieben halbwüchsige, pubertierende Mädchen.
Nun entwickelt sich über den Sommer hin ein Geflecht von Geschichten und Beziehungen aus Vergangenheit und Gegenwart. Die alten Damen haben Überraschendes aus ihrer Vergangenheit zu berichten. Mias Schwester und Tochter Daisy kommen zu Besuch. Mia erhält geheimnisvolle SMS von einem Unbekannten, den sie Mr. Niemand nennt. Sie hilft ihrer Nachbarin, einer jungen Mutter mit zwei Kindern, deren Mann häufig unterwegs ist, ihren persönlichen Weg zu finden. Und nicht zuletzt deckt sie einen Fall von Mobbing in der Mädchengruppe auf und führt ihn zu einer Lösung. Auch Boris darf nach Vermittlung der gemeinsamen Tochter wieder um sie werben. Ob sie ihn zurücknimmt?
Es gibt noch viele weitere Handlungsstränge, die ich aber nicht verraten werde, denn dann bräuchte man das Buch ja nicht zu lesen.
Leseprobe bei Amazon

Sonntag, 9. Oktober 2011

Buch: Alles über Sally

Schon im vergangenen Jahr hatte ich mir den Titel "Alles über Sally" von Arno Geiger auf Grund einer Empfehlung (vermutlich aus der FAZ) aufgeschrieben. "Wenn du mal wieder ein Buch suchst und nicht weißt, was ...". Die Gelegenheit ergab sich erst jetzt kurz vor den Ferien, und ich ließ es mir schicken. Nun ist es ausgelesen.
Kurz gesagt, mein Fall ist es nicht so. Kein Totalverriss, aber richtig weiter empfehlen würde ich es auch nicht. Als Schulnote würde ich eine Drei geben.
Die Story spielt im Zeitraum von irgendwann in den Sommerferien bis nach Weihnachten. Erzählt wird von einem Ehepaar, Sally und Alfred, sie 52, er 57 Jahre alt, etwa 30 Jahre zusammen, davon etwa 25 Jahre verheiratet, 3 Kinder, wohnhaft in Wien.
Die Ferien werden jäh unterbrochen, weil in ihrem Haus in Wien eingebrochen wurde, die Einbrecher haben nicht nur Dinge gestohlen, sondern das Haus auch verwüstet. Zitat: "Nur der Kirschsirup an den Wänden erweckte ein wenig den Eindruck, hier sei jemand im Blutrausch abgestochen worden;" Die Organisation der Renovierung bleibt an Sally hängen, Alfred bedauert abhanden gekommene Dinge und vor allem sich. Sally gönnt sich eine Affäre und wird kurz darauf selbst betrogen, da ihr Liebhaber seine Ehefrau und Sally zugunsten einer jungen Frau verlässt. Zitat: "Er meinte, wenn ihm lediglich noch zehn Jahre blieben, wolle er diese Zeit genießen." Eingewoben in die Schilderung der Jetztzeit sind Rückblicke auf das gemeinsame Leben mit Alfred, die Zeit des Kennenlernens, des Hauskaufs, als die Kinder klein waren. Doch all diese Erlebnisse werden überwiegend vom sexuellen Standpunkt betrachtet. Schilderung der Erinnerung und wie sie Sex mit Alfred hatte, wo, warum. Interessiert mich das? Ich für mich: Nein.
Im vorletzten Kapitel kommt Alfred zu Wort, der besessene Tagebuchschreiber, und er teilt sich über sein Tagebuch mit. Es zeigt sich, dass er nicht ganz so weltfremd und in sich verschlossen ist, wie Sally glaubt, er bekommt einiges mit, zieht es jedoch vor, zu schweigen. Zitat: "... ich kann sagen, diesmal bleibt Sally für ein Jahr zu Hause, wurde auch Zeit, das weiß ich, ich weiß es still bei mir und bin klug genug, es zu verbergen, tief drinnen, viel tiefer drinnen, als ich an irgendeiner Stelle bereit bin, dort liegt das Wissen, dass Sally eine ganze Weile zu Hause bleibt, und auch das Wissen, dass sie nicht ganz gehen wird, ...". Ob man dieses Buch wirklich als "die Geschichte einer großen Liebe" bezeichnen sollte, wie es der Klappentext tut, das bezweifle ich jedoch.
Link zur Leseprobe bei Amazon.

Freitag, 13. Februar 2009

Urlaubslektüre: Nachtzug nach Lissabon

Die Hauptperson Raimund Gregorius ist ein pedantischer, pflichtbewußter, sprachenbegeisterter, sich selbst vernachlässigender Lehrer an einem Berner Gymnasium. Die Welt des Griechischen, Lateinischen und Hebräischen, die "alte" Literatur ist seine Welt, die Wirklichkeit draußen rauscht an ihm vorbei und berührt ihn kaum. Das ändert sich an einem Februartag schlagartig, durch Zufall bekommt er am gleichen Tag das Buch eines Portugiesen, Amadeu de Prado in die Hand, und ein Satz daraus wird ihm übersetzt: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist -- was geschieht mit dem Rest?“. Dieser Satz bringt ihn völlig aus dem Gleichgewicht, er muss den Autor finden und das Buch lesen. Er kann kein Portugiesisch, kauft völlig überhastet einen Sprachkurs, ein Wörterbuch, eine Grammatik und beginnt umgehend. Aber nicht genug, er "muss" nach Lissabon und reist mit dem Nachtzug dorthin. Im Zug trifft er Silveira, der ihm die ersten Anlaufstellen nennt und dadurch den Weg ebnet.
Gregorius forscht nun äußerst erfolgreich nach Amadeu de Prado, dieser ist zwar seit über 30 Jahren tot, aber er trifft nach und nach seine beiden Schwestern Adriana und Mélody, den Jugendfreund Jorge, Joao, den Kamerad aus dem Widerstand, Bartolomeu, den ehemaligen Lehrer, die platonische Liebe Maria Joao, und ganz zum Ende der Geschichte die letzte Geliebte des Gesuchten, Estefania. So entsteht nach und nach ein Bild der Persönlichkeit von de Prado, eines faszinierenden und äußerst begabten Adligen, der auf Wunsch des Vaters Arzt wurde und irgendwann im Widerstand tätig wurde. Begleitet wird die Entdeckung seines Lebens und dessen Facetten durch die Lektüre seines Buchs, in dem Gregorius immer wieder Fragen und Antworten zu den philosophischen Fragen des Lebens findet.
Vom Erzählstil ist das Buch ganz realistisch aufgebaut, gerade die bernische Realität wird ganz genau und bestimmt detailgetreu beschrieben, und so regt sich beim Leser doch schnell Widerspruch zu den Geschehnissen. Aber ein Roman ist ja keine Tatsachenbeschreibung, und vieles erscheint mir doch ziemlich glaubwürdig. Dieses plötzlich völlig aus der Bahn kommen, das kann ich mir gerade bei so einem nüchternen Menschen wie Gregorius beschrieben wird, gut vorstellen, genau solche lebensferne Menschen sind dafür empfänglich.
Weniger wahrscheinlich erscheint mir, dass er mit Wörterbuch und Grammatik die Texte von Prado übersetzen kann. Es sei denn, sie wären völlig den Regeln entsprechend, so wie der Schwabe den Begriff "hochdeutsch" auch mit "nach der Schrift" beschreibt, so müssten also diese Texte "nach der Schrift" geschrieben worden sein. Und Gregorius, der Altphilologe, hat sich Substantive, Adjektive, Adverbien und die Verbformen nach der Grammatik zusammengesucht, so wie wir zu Schulzeiten bei Lateinübersetzungen auch verfahren sind.
Auch hat Gregorius, der die ganze Zeit über trotz des Sprachkurses kaum Portugiesich versteht, was mich irgendwie tröstet, denn dann wäre er einfach zu gut, wirklich Glück mit seinen Gesprächspartnern. Alle verstehen und sprechen eine Sprache, die auch er versteht, sei es Latein, Französisch oder Englisch, und alle sind auch bereit, über ihre Erfahrungen mit Amadeu de Prado zu erzählen.
Am Ende des Buches dürfte Gregorius der Mensch sein, der das umfassendste Bild von de Prado hat, ohne ihn persönlich gekannt zu haben, er könnte ein Buch über sein Leben schreiben. Dabei umfängt ihn selbst von Tag zu Tag mehr eine unsichtbare Bedrohung, doch das Ende läßt alles offen, so dass eine Fortsetzung in viele Richtungen möglich erscheint.
Nachtzug nach Lissabon gibt es gebunden, als Taschen- und als Hörbuch, der Autor nennt sich Pascal Mercier.

Freitag, 17. Oktober 2008

Hugendubel

Hugendubel
"Vergiß nicht deinen Hugendubel", mit diesem Spruch warb in den 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein alteingesessenes Fachgeschäft für Schirme in der Stuttgarter Hirschstraße. Illustriert wurde der Spruch durch einen Straßenbahnschaffner, der vom Trittbrett des Wagens aus besagten Schirm zur Weitergabe an den vergesslichen Fahrgast in der Hand hielt. Das Schirmgeschäft Hugendubel in Stuttgarts Mitte ist lange vergessen. Seit dieser Woche gibt es einen neuen Hugendubel, und die alteingesessenen Stuttgarter müssen sich erst umgewöhnen, dass der Name nicht mehr für Schirme, sondern für Bücher steht. In der unteren Königstraße werden die Neubauten so nach und nach fertig. In Nummer 5 ist u.a. auf 3 Etagen eine Filiale der Buchhandlung Hugendubel eingezogen. Ich kenne das Münchner Stammhaus nicht, aber die Filiale in Berlin an der Tauentziehnstraße, direkt gegenüber der Gedächtniskirche. Auch in Stuttgart kann man mit Blick auf die Königstraße sitzen und schmökern, nur der Ausblick ist nicht ganz so spektakulär. Wenn man sich unsicher ist, gleich hinter dem Pusteblumenbrunnen.

Samstag, 24. November 2007

Buch. Aus großer Zeit


Ein Nachtrag aus dem Urlaub. Wir haben "Aus großer Zeit" von Walter Kempowski gelesen, ein Teil seiner Familienchronik, vom Zeitablauf der erste Teil, in dem er die Jugend seines Vaters beschreibt, wie die großbürgerliche und gutsituierte Familie des Großvaters in Rostock lebte und wirkte. Kempowski hält viel Distanz zu seinen Figuren, seine Sprache ist nüchtern und sachlich. Doch der immer wieder durchschimmernde feine Humor macht seine Prosa sehr lesenswert. Abwechselnd, Kapitel für Kapitel, erzählt er als neutraler Berichterstatter von den Taten und Begebenheiten des jungen Karl Kempowski, von der Kinder- und Schulzeit, Erlebnissen mit Freunden, erster Liebe, bis zum Eintritt des Ersten Weltkriegs. In den anderen Kapiteln kommen andere Personen zu Wort, die aus dem Blickwinkel von etwa 60 Jahren später ihre Erinnerungen an die Familie Kempowski in Rostock schildern. Ein Hausmädchen, die Hauswirtschafterin, die Schneiderin, die Nachbarin und Tierarztwitwe, ein Schauspieler vom Stadttheater, ein Schulkamerad, und so weiter. Jeder aus einem anderen Blickwinkel, und immer wieder im Wechsel mit dem Erzähler. Das ist gut gemacht. Irgendwann wird dann auf die gleiche Art die Familie der Mutter aus Hamburg verewigt.
Auch die genau wie der Rest des Buches sehr nüchterne Schilderung der Schrecken des Krieges wird gerade durch die zurückhaltende Schilderung sehr eindrucksvoll. Der junge Karl Kempowski kommt unverwundet wieder zurück, wird nur 1918 leicht verletzt durch Gas, was sich in länger andauernden Hautreaktionen zeigt. Seine Mutter, die als meist sehr oberflächliche Person erscheint, hatte seine Anzüge nur wenige Wochen nach seiner Abreise an die Front weggegeben. "Der fällt ja doch", sagte sie im Buch.
Da fällt einem nichts mehr ein.

Montag, 29. Oktober 2007

Buch. Big Bang.


Big Bang heisst ein Buch von Simon Singh, dem englischen Wissenschaftsautor, der mit "Fermats letzter Satz", einem Buch über ein mathematisches Problem der Zahlentheorie, mehrere Wochen die Bestsellerlisten anführte. Big Bang behandelt die Theorien über das Universum von den Griechen des Altertums, die als erste über die religiösen Mythen mit Logik hinausdachten und damit die Naturwissenschaften begründeten, bis in die Gegenwart. Er gibt damit einerseits eine für Laien sehr gut verständliche Übersicht über die verschiedenen Theorien, mit denen Menschen im Lauf der Zeit sich den Himmel und den Lauf der Sterne erklärten, bringt damit aber auch aufschlussreiche Einblicke in die Vorgehensweisen der Physiker im Lauf der Jahrhunderte. Nur zur Erläuterung: die Astronomen können nichts anfassen, zerkleinern oder mit chemischen Lösungen behandeln, um dem Inhalt auf die Spur zu kommen. Sie können nur die Gesetze der Physik anwenden und das von den Himmelskörpern ausgesandte Licht analysieren.Eine Theorie nach den bekannten Gesetzen der Physik ist das eine, die Übereinstimmung mit Messungen ist das andere Standbein. Eines ist wertlos ohne das andere. Und besonders schlüssig wird eine Theorie, wenn sie in der Lage ist Vorhersagen zu treffen, die bis dahin niemand messen konnte oder wollte, und die dann bei genauem Hinsehen wirklich zutreffen. Es macht richtig Spaß, geführt von Simon Singh die vielen logischen Schritte nachzuvollziehen, die von Kosmologen im Laufe der Jahrhunderte getan wurden, um auf den heutigen Wissensstand zu kommen. Die Kunst von Simon Singh besteht darin, dies für Laien so begreifbar zu machen, dass man es versteht. Es scheint ganz einfach, mit Gleichungen oder ähnlichem muss sich kein Leser quälen. Das ist eine ganz große Kunst, und so macht man Lust auf Naturwissenschaft. Simon Singh, Big Bang, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co KG, München, ISBN 978-3-423-34413-5