Freitag, 10. Januar 2014

Buch. Madame Bovary.

Im Rahmen der Ringvorlesungen wurde Madame Bovary, der Roman von Gustave Flaubert, besprochen, und zwar im Kontext "Das Schauspiel der Hysterie". Da ich den Roman zwar gelesen hatte, aber schon vor sehr langer Zeit, nutzte ich die Gelegenheit, um meine Erinnerung aufzufrischen. Beim ersten Mal war ich gar nicht begeistert gewesen, meine Erwartungen waren wohl andere, und der Roman entsprach ihnen nicht. Das wusste ich nun bereits und konnte einen erneuten Blick darauf werfen.
Die Handlung ist schnell erzählt. Emma Bovary wächst in einem Dorf der Normandie auf, zur Schule geht sie bei den Ursulinerinnen in Rouen. Dort liest sie heimlich Bücher, die ...
"...handelten immer nur von Liebschaften, Liebhabern und Geliebten, verfolgten Damen, die in einsamen Pavillons in Ohnmacht sanken, von Postillonen, die bei jedem Pferdewechsel umgebracht wurden, von Pferden, die man auf jeder Seite zuschanden ritt, von finsteren Wäldern, Seelenkämpfen, Schwüren, Schluchzen, Tränen und Küssen, Nachen im Mondschein, Nachtigallen in den Gebüschen, Herren, die tapfer wie Löwen, sanft wie Lämmer und unvorstellbar tugendhaft waren, dazu stets schön gekleidet und tränenselig wie Urnen." (*Seite 51)
Wieder zu Hause bei ihrem verwitweten Vater lernt sie Charles Bovary, einen jungen, sehr unbedarften Landarzt kennen und heiratet ihn. Doch ...
"Vor ihrer Heirat hatte sie geglaubt, sie liebe ihn. Aber das Glück, das diese Liebe hätte mit sich bringen müssen, war nicht gekommen, und so dachte sie, sie habe sich gewiß getäuscht. Und Emma suchte zu erfahren, was man im Leben eigentlich unter Seligkeit, Leidenschaft und Liebesrausch verstand. Diese Worte waren ihr in den Büchern immer so wunderschön vorgekommen." (*Seite 48) 
Emma Bovary sucht in der Folge also nach Seligkeit, Leidenschaft und Liebesrausch. Ihr zuliebe zieht ihr Mann in ein größeres Dorf, dort empfindet sie für Léon, den Gehilfen des Notars, eine schwärmerische Seelenverwandtschaft. Die Beziehung bleibt platonisch, der junge Mann geht einige Monate später zur weiteren Ausbildung nach Paris. Dann tritt Rodolphe in ihr Leben. Und mit ihm kommt sie an den richtigen, das macht uns das Buch von Anfang an klar.
"Herr Rodolphe Boulanger war vierunddreißig Jahre alt, ein rücksichtsloser Draufgänger und kluger Menschenkenner. Außerdem hatte er sich viel mit Frauen abgegeben und kannte sich mit ihnen aus. Madame Bovary hatte er bildhübsch gefunden, und nun ging sie ihm dauernd im Kopf herum, und auch an ihren Mann musste er denken. Ich glaube, er ist reichlich dumm. Bestimmt hat sie ihn satt. Er hat schmutzige Nägel, und seit drei Tagen hat er sich nicht mehr rasiert. Während er seinen Patienten nachläuft, sitzt sie daheim und stopft ihm die Socken. Und die arme kleine Frau langweilt sich zu Tode! Sie möchte in der Stadt wohnen und jeden Abend Polka tanzen! Die Ärmste! Sie lechzt nach Liebe wie ein Karpfen auf einem Küchentisch nach Wasser. Drei galante Worte, und sie betet einen an, davon bin ich überzeugt. Das wäre etwas zum Liebhaben! Bezaubernd! ... Ja, aber wie werde ich sie nachher wieder los?" (*Seite 172)
 Diese Beschreibung trifft den Nagel in allen Punkten auf den Kopf. Nun, Emma wird seine Geliebte, und einige Monate später muss Rodolphe das Problem lösen, sie wieder loszuwerden. Er schreibt ihr einen Abschiedsbrief, legt ihn in zuunterst in einen Korb mit Aprikosen und lässt Emma den Korb von einem Diener bringen. Sie findet den Brief, liest ihn, erleidet einen Zusammenbruch und ist monatelang schwer krank. Als es ihr etwas besser geht, besucht ihr Mann mit ihr zur Zerstreuung eine Opernaufführung in Rouen. Dort treffen sie Léon, den ehemaligen Notargehilfen, wieder.
"Als er sie nun nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte seine Leidenschaft aufs neue. jetzt müsse er sich endlich entschließen, sie besitzen zu wollen, so sagte er sich." (*Seite 299)
Léon umwirbt Emma, und sie gibt seinem Drängen schnell nach. Von da an fährt sie ein Mal in der Woche nach Rouen, angeblich um Klavierstunden zu nehmen, in Wirklichkeit, um sich mit Léon zu treffen. Nach einigen Wochen der verliebten Glückseligkeit und Leidenschaft wird auch diese Beziehung langweilig.
"Sie hatte ihn ebenso satt, wie er ihrer überdrüssig war. Emma fand im Ehebruch das ganze öde Einerlei des Ehelebens wieder. Wie aber konnte sie all das loswerden? Sie möchte sich noch so sehr durch das Erniedrigende eines solchen Glücks gedemütigt fühlen, sie hing dennoch aus Gewohnheit oder aus Verderbtheit daran. Mit jedem neuen Tag klammerte sie sich leidenschaftlicher daran fest, und gerade durch die übertriebenen Erwartungen, die sie darein setzte, machte sie jedes beglückende Erlebnis zuschanden. Sie warf Léon ihre enttäuschten Hoffnungen vor, als hätte er sie verraten, ja, sie wünschte sogar ein jähes Verhängnis herbei, das zu ihrer Trennung führen sollte, da sie doch nicht den Mut aufbrachte, sich selbst dazu zu entschließen." (*Seite 373, 374)
Die Katastrophe kommt von außen. Emma hatte sich über die Jahre hin immer mehr verschuldet. Zuerst nur kleine Beträge, dann immer mehr, wobei der Tuchhändler ihr das Geld bzw. die Waren regelrecht aufdrängte. Er will nun Kasse machen und droht die Pfändung an. Emma Bovary versucht verzweifelt, das Geld aufzutreiben, aber niemand findet sich dazu bereit, ihr so einen hohen Betrag zu leihen. Mit einem Trick verschafft sie sich Zutritt zum Giftkämmerchen des Apothekers, schluckt Arsenik, und stirbt nach einem schrecklichen, detailliert geschilderten Todeskampf. Ihr Mann Charles stirbt wenige Monate später an gebrochenem Herzen, wie man so schön sagt, die gemeinsame Tochter kommt zuerst zur Großmutter, nach deren Tod im gleichen Jahr zu einer Verwandten.
"Sie ist arm und schickt die Kleine, damit sich sich ihren Lebensunterhalt verdient, in eine Baumwollspinnerei." (*Seite 447)
Nun zur wissenschaftlichen Wertung in der Ringvorlesung. Wir erfahren, dass die Schilderung von Emma
Bovary die typische Hysterikerin beschreibt, so wie das zum Zeitpunkt der Entstehung des Romans gesehen wurde. Es mag für heutige LeserInnen nicht so scheinen. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Hysterie große öffentliche Aufmerksamkeit. Nach einer Darstellung der Ophelia in Hamlet durch die irische Schauspielerin Harriet Smithson 1827 in Paris brach eine Welle von Ophelia-Darstellungen los. Die Maler Delacroix und Millais malten den Tod Ophelias. (Link zum Bild von Delacroix. Link zum Bild von Millais.) In der Pariser Klinik La Salpêtrière etablierte deren Leiter Jean-Martin Charcot die erste neurologische Abteilung. Fotografen fertigten Serien von Ikonographien von kranken Frauen an. Auch wurden die kranken Frauen öffentlich vorgestellt, immer Dienstags. Die Hysterie als körperliche Krankheit war sehr präsent, und Flaubert kam als Sohn des Chefarztes der Klinik in Rouen schon früh mit Krankheit in Kontakt, auch kannte er wohl die zeitgenössische medizinische Literatur zum Thema Hysterie und Nervenkrankheiten. Die Beschreibung des Zusammenbruchs von Emma, nachdem sie den Abschiedsbrief von Rodolphe unter den Aprikosen gefunden hat, ist wohl schulbuchmäßig, was mir als medizinischem Laien natürlich nicht aufgefallen war. Mehr Rätsel gibt die ausführlich geschilderte Sterbeszene von Emma Bovary der Wissenschaft. Die geschilderten Symptome und Reaktionen sind wohl wie auch schon beim ersten Zusammenbruch typisch für Hysterikerinnen, so wie sie die damalige Zeit sah, jedoch hat Emma in diesem Fall keinen Zusammenbruch, sondern sie hat sich ja vergiftet.
Nun, egal ob Emma Bovary nun die naive, die großen Gefühle suchende Mittelmäßige war, oder ob ihr Verhalten der Ausdruck der Krankheit Hysterie war, kann uns letztendlich gleich sein. Der Roman ist auf jeden Fall lesenswert, schon allein seiner Schilderung der ganzen anderen Menschentypen wegen, die Flaubert äußerst genau und treffend beschreibt.
* Die Zitate stammen aus: Gustave Flaubert. Madame Bovary. Roman. Aus dem Französischen übertragen von Walter Widmer. Düsseldorf, Albatros, 2006.

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