Sonntag, 23. November 2008

Der Graf Ory

Le Comte Ory heißt die vorletzte Oper, die Gioachino Rossini schrieb und die 1828 in Paris uraufgeführt wurde. Sie gehört nicht zu den oft gespielten Welterfolgen, wie der Barbier von Sevilla, aber sie ist durchaus sehens- und hörenswert. Hier wurde sie in der vergangenen Spielzeit modern und stimmig inszeniert.
Der Graf Ory ist ein Jüngling auf der Suche nach amourösen Abenteuern, von zu Hause ausgerissen, verfolgt von seinem Erzieher und seinem Pagen Isolier. Im ersten Akt gibt er sich als Eremit aus, die jungen Frauen des Dorfes bringen Geschenke und suchen seinen Rat. Auch die Gräfin vom nahegelegenen Schloss, die an einer Depression leidet, sucht in Begleitung mit Erfolg den Rat des Eremiten. Doch nun wird die wahre Identität Orys aufgedeckt, alle sind empört ob so viel Dreistigkeit, die Gräfin zieht sich mit ihrem Gefolge wieder auf die Burg zurück.
Dort spielt der zweite Akt. Die Gräfin hat sich mit ihren Begleiterinnen auf der Burg eine Wellness-Oase eingerichtet, der Orchestergraben dient (optisch) als Schwimmbad. Die Damen lassen es sich gut gehen und pflegen sich. Nach einem heftigen Gewitter bittet eine Gruppe Pilgerinnen um Zuflucht. Es sind Ory und seine Leute, der Erzieher mit dabei und im moralischen Zwiespalt, den "Zögling" beschützen zu müssen, damit jedoch auch Unsinn und Betrug mitzumachen. Ory versucht sich der Gräfin zu nähern unter dem Vorwand, sich für die Aufnahme zu bedanken, es kommt in der Dunkelheit (wir Zuschauer sehen natürlich, was vorgeht) zu einem komischen Verwechselspiel zwischen der vermeintlichen Nonne Ory, der Gesellschafterin der Gräfin, dem Pagen Isolier und der Gräfin selbst. Ory und seine Leute, die sich am Weinkeller gütlich getan haben und entsprechend fertig sind, werden enttarnt und durch einen Seiteneingang von der Burg gewiesen. Die Ritter, angeführt vom Bruder der Gräfin und vom Ehemann der Gesellschafterin, kehren vom Kreuzzug zurück. Eitel Freude.
Man liest häufig, im Graf Ory seien zwei Figuren von Mozart wiederaufgenommen, einmal Ory selbst als Don Giovanni, zum zweiten der Page Isolier als Page Cherubino. Bei den beiden letzteren gibt allein schon die Rolle Page zu Page, junger Mann in schwärmerischer Verehrung der Frauen, die Ähnlichkeit vor. Ory und Don Giovanni sind sich jedoch so ähnlich wie ein pubertierender Jüngling zu einem erwachsenen Mann, Don Giovanni hat vor nichts und niemand Angst, nicht einmal vor der Statue des Komtur, Ory hingegen erschrickt heftig schon bei Nennung des Namens seines Vaters. Und er besitzt auch nicht diese schrecklicher Unerbittlichkeit, mit der Don Giovanni seine Opfer ins Unglück und sich selbst schließlich ins Verderben treibt. Das schreckliche Ende bleibt Ory so erspart, er versucht's halt mal, und meist klappt's ja nicht.
Die Bühne ist ganz modern-aktuell gestaltet, alltägliche Kleidung ist angesagt. Als Klause des Eremiten hat man ein rundes Spiegelkabinett auf die Bühne gestellt, drehbar, alle Spiegeltüren können geöffnet werden. Da kann man gut verschwinden und plötzlich wieder auftauchen. Und der Wellness-Tempel im Schloß mit dem leuchtenden Schwimmbad vorne ist vom Feinsten ausgestattet. Die Damen kämpfen mit einer Fernbedienung, die alles steuert, Tische hereinfahren und wieder verschwinden lässt, die Außentüren öffnet, was man sich an modernem Schnickschnack der Haustechnik nur vorstellen kann. Und die vom Kreuzug zurückkommenden Ritter kündigen ihre Ankunft per SMS an, genauso nutzt die weibliche Dorfbevölkerung ihre Handys, um in ihrer Begeisterung ein Bild vom Eremiten festzuhalten.
In dieser Aufführung kam es nun schon zum zweiten Mal vor, dass eine Rolle wegen Krankheit "von der Seite" gesungen wurde. Die Sängerin des Isolier konnte nicht auftreten, ein stimmlicher Ersatz wurde in Victoria Simmonds gefunden. Sie hatte die Rolle in London gesungen, konnte sich jedoch nicht so schnell in die Inszenierung einarbeiten, die Rolle ist nicht so ganz einfach. So sprang ein junger Regieassistent ein, spielte auf der Bühne, und die Stimme kam von der Seite. Die beiden haben das gut gemacht, und das gilt auch für die gesamte Aufführung.

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