Montag, 1. Februar 2016

Uni. So war mein Wintersemester 2015/2016.

Kurz gesagt, durchschnittlich, manchmal fast langweilig. Ich fürchte, ich bin nun schon so lange im Fach Geschichte dabei, dass sich so langsam die Wiederholungen einstellen.
Es begann im Oktober ganz vielversprechend mit einem Zusatzvortrag zur Ringvorlesung des Alterswissenschaftlichen Zentrums zum Thema Palmyra - Weltkulturerbe in der Oase. Vorgestellt wurde Palmyra in der Syrienkrise seit 2011, und beispielhaft vier Gebäude, die seit Mai 2015 von der Terrororganisation IS zerstört wurden, der Tempel des Baal-Shamin, Türme und Grabbauten aus dem Tal der Gräber, der Tempel des Bel und Triumphbogen nebst Kolonadenstraße. Alle diese Bauten wurden zwischen dem ersten und dritten Jahrhundert n. Chr. erbaut. Es sei tröstlich für die Wissenschaft, dass alle diese Gebäude wissenschaftlich dokumentiert und erfasst sind, also vermessen, fotografiert, gezeichnet und katalogisiert, meinte der Vortragende Michael Sommer von der Uni Oldenburg. Was mir bis dahin unbekannt war, die Terrororganisation IS finanziert sich in erheblichem Umfang durch Verkauf von Kunstschätzen, indem entweder wild gegraben wird, oder einfach die Bruchstücke von zerstörten Kunstgegenständen in den Kunsthandel gebracht werden. Und die Gegenstände werden offenbar gut bezahlt und auch gekauft. Wir hörten dann noch, wie Palmyra im 3. Jahrhundert n. Chr. reich und bedeutend wurde, so dass man sich die Prachtbauten leisten konnte. Den Anschlussvortrag im Januar über das heutige Palmyra und die politische Situation konnten wir krankheitsbedingt nicht hören.
Zur Epoche Mittelalter wurde über Europa im 11. Jahrhundert berichtet. Die Reihe der römisch-deutschen Kaiser begann mit Heinrich II. (973/978-1024), dem Gründer des Bistums Bamberg und endete mit Heinrich IV. (1050-1106), den man meist mit dem Bußgang nach Canossa in Verbindung bringt. Wir hörten jedoch auch ausführlich über die katholische Kirche und ihre Päpste, besprachen ausführlich die Reformbewegung in der Kirche, die zu einem neuen Selbstverständnis der Geistlichen und schlussendlich zu den wiederkehrenden Konflikten mit den römisch-deutschen Kaisern führte. Denn Canossa war nur der Anfang und der Konflikt anschließend nicht abgeschlossen.
Das lange 19. Jahrhundert bot den Hintergrund für die Vorlesung Politische Ideengeschichte, die den Zeitraum von der amerikanischen über die französische Revolution bis zur bolschewistischen Revolution umspannte. Sozialismus, Idealismus, Liberalismus, Konservatismus, Nationalismus, Nietzscheanismus, Anarchismus, Sozialdarwinismus, Rassismus, Neuidealismus und Universalismus sind die Schlagworte, und ich möchte hier nicht tiefer darauf eingehen. Es war harter Stoff, und ich war zum ersten Mal recht froh, das nur zu hören und eben KEINE Prüfung darüber schreiben zu müssen.
Im Fach Landesgeschichte hörten wir über Bayern 1918-1945. So war zumindest der offizielle Titel, denn der Dozent begann nicht nur mit einem Rückblick zu den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen in Bayern Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, was ich voll in Ordnung gefunden hätte, nein, er behandelte die Zeit ab 1912 ausführlichst, ebenso den Ersten Weltkrieg. Wir endeten dann schließlich irgendwo in den 1920-er Jahren, wobei die Ereignisse bis 1922 noch sehr ausführlich dargestellt wurden, dann ging es etwas flotter und oberflächlicher. Ich weiß nicht, warum der Titel so zu den behandelten Themen gewählt wurde, auf jeden Fall passte er nicht richtig.
In meinen Aufzeichnungen finde ich noch zwei Vorträge, zuerst Menschenmaterial. Die Behandlung der Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg durch das Deutsche Reich und die Sowjetunion von Klaus Jochen Arnold von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ein sehr bedrückender Vortrag mit dem Fazit, dass in beiden Regimen nicht nach den bestehenden Regeln des Völkerrechts gehandelt wurde und die Forscher sich über Anzahl der Gefangenen und der Toten speziell in der UdSSR wie auch in der Frage, ob es eine ideologisch begründete Vernichtungsabsicht gab, nicht einig sind.
Im zweiten bemerkenswerten Vortrag behandelte Walter Ziegler Kardinal Faulhabers Haltung gegenüber Marxismus und Nationalsozialismus 1918-1939. Der Kardinal (1869-1952), nach dem in Würzburg ein Platz benannt ist, stammte aus einem unterfränkischen Dorf, ging in Würzburg zur Schule und wurde dort zum Priester ausgebildet. Er war Bischof in Speyer ab 1911 (wir erinnern uns, die Pfalz gehörte bis 1945 zu Bayern), ab 1917 Erzbischof von München und Freising, ab 1921 war er Kardinal. Mit Marxisten und Sozialisten hatte Faulhaber in München ab Ende 1918 bis 1924 zu tun, zuerst die Räterepublik, dann eine Reihe von bayerischen Staatsregierungen mit Beteiligung unterschiedlicher sozialdemokratischer Parteien. Das Verhältnis der katholischen Kirche zu diesen Regierungen war schlecht, die Kirche lehnte sie ab, es gab jedoch keine Umsturzversuche bzw. deren Förderung von Seiten der Kirche. Die Ablehnung des Nationalsozialismus war zumindest zu Beginn des Regimes 1933 nicht so eindeutig. In dem Jahr hatte Faulhaber Hitlers Reden analysiert und fand in einer zusammenfassenden Übersicht drei positive zu acht negativen Punkten. Bis 1935 begünstigte Hitler die Kirche, förderte die konfessionellen Schulen, was von der Kirche ab Ende 1918 heftig gefordert wurde. Als ab 1935 christliche Vereine behindert, gleichgeschaltet oder aufgelöst wurden, wurde die Haltung Faulhabers zunehmend kritischer bis hin zu Organisation kirchlichen Widerstands. Persönlich war er von der Person Adolf Hitler zumindest beeindruckt. Im Vortrag wurde auch auf die erst kürzlich erschienen Tagebüchers von Kardinal Faulhaber verwiesen, die in einer beeindruckenden Ausgabe nach und nach im Internet veröffentlicht werden. Das Projekt an sich ist schon spannend, es lohnt sich darüber zu lesen. Faulhaber schrieb über alle Begegnungen mit anderen Personen und was sie besprochen hatten, er benutzte eine heute nicht mehr gebräuchliche Kurzschrift, die die Projektmitarbeiter erst lernen mussten, um die Texte entziffern zu können. Die Texte sieht man in drei Versionen, dem Digitalisat (Foto der Seite), der Transkription (wörtliche Übertragung des Texts, einschließlich Korrekturen und Abkürzungen) und der Leseversion, in der die Abkürzungen aufgelöst sind. Zudem gibt es Kommentare und Kurzbiografien der erwähnten Personen. Spannend.
Wie ich nun rückblickend sehe, ist doch noch einiges Interessante und Erwähnenswerte zusammen gekommen, zumindest bis Anfang Dezember, so dass der eher langweilige Teil zum Schluss stattfand.
Auch die Planung für das nächste Semester läuft bereits, es könnte sein, es kommt ein neues Gesicht und damit neue Themen, zumindest liest jemand Vorlesung, der in den letzten Semestern damit pausiert hatte. Ich bin schon erwartungsfroh.

Kommentare:

Barbara Furthmüller hat gesagt…

Schön zu lesen. Ich liebe ja Geschichte und kann mir für all diese Epochen begeistern. Meine Zeit an der Uni ist auch schon lange vorbei (und Geschichte hatte ich als Leistungskurs in der Schule, in der Uni nicht mehr), aber trotzdem ist es immer wieder spannend, zum einen neues zu erfahren und zum anderen sich zu erinnern. Ich finde vor allem die Zusammenhänge spannend. Und dass der IS mit Steinbrocken aus Palmyra Geld verdient, ist erschreckend...

Es gab mal eine Bayerische Landesausstellung zum Thema Kaiser Heinrich II., die war klasse. - Ich habe eben gegoogelt, das war 2002, also auch wieder ewig her.

Kraut und Rüben hat gesagt…

Auch ich finde bei Geschichte besonders die Zusammenhänge spannend.
Zur leider erfolgreichen Strategie des IS mit irgendwelchen Steinbrocken aus den Trümmern Geld zu verdienen gehört eben auch, dass da ein Markt ist und dass Leute aus dem Westen oder dem wohlhabenden Teil Asiens Geld für alte Steine ausgeben, ohne dass sie die Herkunft wirklich interessiert. Und sie kaufen, selbst wenn sie es wissen. Aber fast genau so hat mich erschreckt, dass der Verlust für die Wissenschaft durch die Zerstörung dieser Bauten ja nicht groß ist, weil ja alles schon wissenschaftlich erforscht und erfasst ist.
Nächstes Jahr gibt es eine Landesausstellung zu Luther bzw. zur Reformation in Coburg, da fahren wir mit Sicherheit mal wieder nach Oberfranken.
Danke für deinen Kommentar und herzliche Grüße.

Barbara Furthmüller hat gesagt…

Ich fand's mal sehr interessant, in der Gegend von Karthago durch ein Wohngebiet zu bummeln und zu schauen, was davon in den Gärten zu finden war... Die haben dort über Jahrtausende immer mal was geholt... - Und wenn man darüber nachdenkt, hier genauso, wer weiß wieviele mittelalterliche oder frühzeitliche Burgensteine in Häusern verbaut wurden. ;-)