Donnerstag, 14. November 2013

Thales von Milet und die Sonnenfinsternis, und warum wir kritisch bleiben sollten.

Im Rahmen einer Ringvorlesung über Astronomie und Astrologie im Altertum hörten wir über das folgende Thema:
"Eine hartnäckige Legende:
Die angebliche Voraussage der Sonnenfinsternis
vom 28. Mai 585 v. Chr. durch Thales von Milet"
gefolgt vom Themenaufriss:
"Antike Nachrichten über Sonnenfinsternisse sind auch für die moderne Astronomie interessant. Dabei werden die antiken Texte aber oft überinterpretiert bzw. nicht auf ihre Zuverlässigkeit überprüft.
Seltsamerweise trifft dies auch auf die antiken Berichte über Thales von Milet zu: obwohl alle, die sich mit der nötigen Sachkenntnis zu diesem Thema geäußert haben, klar sagen, dass zur Zeit des Thales die Voraussetzungen für eine Berechnung einer Sonnenfinsternis noch nicht gegeben waren, werden immer wieder Theorien aufgestellt, nach denen Thales eine Finsternis zwar nicht berechnet, aber dennoch vorhergesagt hat.
Es soll exemplarisch eine der seriösesten dieser neueren Theorien auf ihre Wahrscheinlichkeit geprüft werden; anschließend muss die Frage gestellt werden, warum solche Theorien immer noch und immer wieder entwickelt werden."
Damit ist schon fast alles gesagt, aber es war so amüsant gemacht und so gut vorgetragen, dass ich versuchen werde, ein wenig davon rüberzubringen.
Zuerst einmal einige Daten: Thales von Milet lebte (Nach Wikipedia und Brockhaus (multimedial, 2001)) von etwa 624/625 v. Chr. bis etwa 547 v. Chr. Von ihm sind keine Schriften erhalten. Die früheste erhaltene Überlieferung stammt von Herodot (490/480 v. Chr. bis etwa 424 v. Chr.), also über hundert Jahre später. Herodot ist somit keineswegs ein Zeitzeuge. Und ihm wird zugeschrieben, dass er berichtet habe, Thales habe die Sonnenfinsternis am 28. Mai 585 v. Chr. vorhergesagt. Nun, nach der uns vorgelegten Übersetzung hat er dies keineswegs. Er spricht von einer Schlacht (ohne Datumsangabe), und er spricht von einer Finsternis, nicht von Sonnenfinsternis.
Da haben wir schon einen wesentlichen Fehler, den offensichtlich auch Wissenschaftler gern begehen. Wir lesen etwas und stricken uns daraus unsere eigene Interpretation, die wir dann weitergeben. Stille Post funktioniert genau so.
Wir durften dann noch einen interessanten Ausflug zu Datumsangaben im antiken Griechenland machen und erfuhren, dass (so ungefähr) jedes Dorf seinen eigenen Kalender hatte, und es etwa 120 Monatsnamen gab (für 12 Monate! wir machen uns das mal eben klar), von denen manche auch noch mehrfach, natürlich für unterschiedliche Monate gebraucht wurden. Pures Chaos, aus heutiger Sicht. Also merken wir uns: antike Datumsangaben sind sehr mit Vorsicht zu gebrauchen, wenn man denn wirklich ein Datum hat.
Es folgten dann Analysen weiterer antiker Schriftsteller mit Schriften oder Behauptungen über Thales und die (Sonnen-)Finsternis, die alle erst viele Jahrhunderte nach Thales lebten und somit auch nur auf Hörensagen bauen konnten.
Die Überprüfung einer "der seriösesten neuen Theorien auf ihre Wahrscheinlichkeit" war, wie nach der Überschrift und all den Vorreden schon zu erwarten war, ein Verriss dieser Theorie. Von vielen Seiten beleuchtet konnte jedoch nur festgestellt werden, dass die in dieser Theorie getroffenen Annahmen alle äußerst unwahrscheinlich sind, und eine Kombination mehrerer nicht gerade wahrscheinlicher Aussagen wird (durch Multiplikation der einzelnen Wahrscheinlichkeiten) immer unwahrscheinlicher. Das ist pure Mathematik und lässt sich nicht wegdiskutieren.
Zur Frage warum immer wieder solche Theorien aufgestellt werden, haute uns die Referentin das Wörtchen "bias" mehrfach um die Ohren, in so vielen Kombinationen, dass ich alle gar nicht mitschreiben konnte. Bias bedeutet im hier gebrauchten Sinn Tendenz oder Voreingenommenheit, und hier soll nur die deutsche Erklärung von "publication bias" aus Wikipedia zitiert werden:
"Der Publikationsbias ist die statistisch verzerrte (engl. bias [ˈbaɪəs]) Darstellung der Datenlage in wissenschaftlichen Zeitschriften infolge einer bevorzugten Veröffentlichung von Studien mit „positiven“ bzw. signifikanten Ergebnissen. Positive Befunde sind leichter zu publizieren als solche mit „negativen“, also nicht-signifikanten Ergebnissen und sind zudem häufiger in Fachzeitschriften mit hohem Impact Factor veröffentlicht."
 Auch wenn die Aussage "wir wissen es nicht" als Ergebnis langer Forschungen nicht sehr befriedigend ist, sollten wir doch kritisch und bei den Tatsachen bleiben.

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