Freitag, 13. Februar 2009

Urlaubslektüre: Nachtzug nach Lissabon

Die Hauptperson Raimund Gregorius ist ein pedantischer, pflichtbewußter, sprachenbegeisterter, sich selbst vernachlässigender Lehrer an einem Berner Gymnasium. Die Welt des Griechischen, Lateinischen und Hebräischen, die "alte" Literatur ist seine Welt, die Wirklichkeit draußen rauscht an ihm vorbei und berührt ihn kaum. Das ändert sich an einem Februartag schlagartig, durch Zufall bekommt er am gleichen Tag das Buch eines Portugiesen, Amadeu de Prado in die Hand, und ein Satz daraus wird ihm übersetzt: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist -- was geschieht mit dem Rest?“. Dieser Satz bringt ihn völlig aus dem Gleichgewicht, er muss den Autor finden und das Buch lesen. Er kann kein Portugiesisch, kauft völlig überhastet einen Sprachkurs, ein Wörterbuch, eine Grammatik und beginnt umgehend. Aber nicht genug, er "muss" nach Lissabon und reist mit dem Nachtzug dorthin. Im Zug trifft er Silveira, der ihm die ersten Anlaufstellen nennt und dadurch den Weg ebnet.
Gregorius forscht nun äußerst erfolgreich nach Amadeu de Prado, dieser ist zwar seit über 30 Jahren tot, aber er trifft nach und nach seine beiden Schwestern Adriana und Mélody, den Jugendfreund Jorge, Joao, den Kamerad aus dem Widerstand, Bartolomeu, den ehemaligen Lehrer, die platonische Liebe Maria Joao, und ganz zum Ende der Geschichte die letzte Geliebte des Gesuchten, Estefania. So entsteht nach und nach ein Bild der Persönlichkeit von de Prado, eines faszinierenden und äußerst begabten Adligen, der auf Wunsch des Vaters Arzt wurde und irgendwann im Widerstand tätig wurde. Begleitet wird die Entdeckung seines Lebens und dessen Facetten durch die Lektüre seines Buchs, in dem Gregorius immer wieder Fragen und Antworten zu den philosophischen Fragen des Lebens findet.
Vom Erzählstil ist das Buch ganz realistisch aufgebaut, gerade die bernische Realität wird ganz genau und bestimmt detailgetreu beschrieben, und so regt sich beim Leser doch schnell Widerspruch zu den Geschehnissen. Aber ein Roman ist ja keine Tatsachenbeschreibung, und vieles erscheint mir doch ziemlich glaubwürdig. Dieses plötzlich völlig aus der Bahn kommen, das kann ich mir gerade bei so einem nüchternen Menschen wie Gregorius beschrieben wird, gut vorstellen, genau solche lebensferne Menschen sind dafür empfänglich.
Weniger wahrscheinlich erscheint mir, dass er mit Wörterbuch und Grammatik die Texte von Prado übersetzen kann. Es sei denn, sie wären völlig den Regeln entsprechend, so wie der Schwabe den Begriff "hochdeutsch" auch mit "nach der Schrift" beschreibt, so müssten also diese Texte "nach der Schrift" geschrieben worden sein. Und Gregorius, der Altphilologe, hat sich Substantive, Adjektive, Adverbien und die Verbformen nach der Grammatik zusammengesucht, so wie wir zu Schulzeiten bei Lateinübersetzungen auch verfahren sind.
Auch hat Gregorius, der die ganze Zeit über trotz des Sprachkurses kaum Portugiesich versteht, was mich irgendwie tröstet, denn dann wäre er einfach zu gut, wirklich Glück mit seinen Gesprächspartnern. Alle verstehen und sprechen eine Sprache, die auch er versteht, sei es Latein, Französisch oder Englisch, und alle sind auch bereit, über ihre Erfahrungen mit Amadeu de Prado zu erzählen.
Am Ende des Buches dürfte Gregorius der Mensch sein, der das umfassendste Bild von de Prado hat, ohne ihn persönlich gekannt zu haben, er könnte ein Buch über sein Leben schreiben. Dabei umfängt ihn selbst von Tag zu Tag mehr eine unsichtbare Bedrohung, doch das Ende läßt alles offen, so dass eine Fortsetzung in viele Richtungen möglich erscheint.
Nachtzug nach Lissabon gibt es gebunden, als Taschen- und als Hörbuch, der Autor nennt sich Pascal Mercier.

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